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Der ASB Mittel-Brandenburg ist als gemeinnützige Hilfs- und Wohlfahrtsorganisation im Herzen Brandenburgs tätig. Wir engagieren uns im gesamten Spektrum der sozialen Hilfe.

Aktuelles

Mein Tag als Quereinsteiger in der Pflege - Teil 2

Wie ist es, in der Pflege zu arbeiten? Und kann man das schaffen, wenn man doch eigentlich bisher immer etwas ganz anderes gearbeitet hat? Das fragen sich sicherlich viele, die überlegen, beruflich in die Pflege zu wechseln. Wir geben einen kleinen Einblick, wie es ist, als absoluter Neuling plötzlich im Pflegedienst mitzulaufen.

Nadine ist Pflegefachkraft mit Herz und Seele. Doch der Pflegeberuf ist nicht Nadines erste Ausbildung.

Reden ist Silber. Und was ist Schweigen?

Frau F. liegt noch im Bett und beobachtet weiterhin durch die halboffene Schlafzimmertür über den großen Spiegel im Flur, was sich in ihrer Wohnung tut. Mit Engelszungen versucht Nadine Frau F. zum Aufstehen zu überreden. Doch Frau F. will nicht. Ihr sind Nadines Hände zu kalt. Also huscht die „Schwester“ ins Bad und erwärmt ihre Hände unter einem warmen Wasserstrahl. Doch auch jetzt will Frau F. ihr großes Bett mit den molligen Federbetten nicht verlassen. Ihr Freund fehlt. Nadine holt einen großen weißen Plüschtiger aus der Schrankwand und legt ihn Frau F. in die Arme und tatsächlich, Frau F. setzt sich zumindest schon mal auf. Doch sich hinzustellen vermag Frau F. nur noch unter großen Schmerzen und mit der Hilfe von Nadine. Während Nadine rückwärts aus dem Schlafzimmer navigiert, führt sie an beiden Händen Frau F. mit heraus. Sollte ich mich spätestens jetzt vorstellen, frage ich mich, immer noch nutzlos aber zumindest nicht im Wege stehend. Denn noch habe ich meine Basis im Flur zugunsten einer anderen Bastion nicht verlassen. Frau F. tippelt in ihrem geblümten Nachthemd hinter Nadine her. Sie ist eine kleine, sehr gebrechliche aber schöne Großmutter, die es einem schwer macht, ihr wahres Alter zu erraten. Sie fixiert mich, aber sagt keinen Mucks zu mir oder meinem Dasein im Flur. Um keine Krise zu provozieren, entscheide ich mich ebenso zum Nichtssagen, bin aber bemüht, trotz Coronaschutzmaske einen freundlichen Eindruck bei Frau F. zu hinterlassen. Ich lächle sie an und hoffe, dass meine Augen und meine Stirn ihr meine gute Gesinnung offenbaren.

Frau F. ist eine von deutschlandweit 1,6 Millionen Demenzkranken. Jeden Tag kommen 900 Neuerkrankte dazu. Je älter wir werden, desto höher steigt die Wahrscheinlichkeit, Demenz zu bekommen. Während im „zarten“ Alter von 70 Jahren die Wahrscheinlichkeit zu erkranken bei 2 bis 3 Prozent liegt, ist bis zum 90. Lebensjahr schätzungsweise jeder Zweite von der degenerativen Erkrankung des Gehirns betroffen. Weil wir immer älter werden, wird auch die Zahl der Demenzkranken zunehmen. Für das Land Brandenburg bedeutet es eine Zunahme bis 2030 von mehr als 12 Prozent gegenüber 2019 und damit 72.000 Erkrankte.

Zwischen Marmeladenbrot und Keksen

Es steht Körperpflege an und spätestens jetzt fühle ich mich wie ein Eindringling, ein Verbrecher, der sich unerlaubter Weise Zutritt in die Privatsphäre anderer Leute erschlichen hat. Meine Entscheidung steht fest: Ins Bad folge ich nicht. Nicht meinetwegen. Ihretwegen. Ich höre Schwester Nadine, die geduldig mit Frau F. jeden Schritt der Körperpflege bespricht. Gedanklich folge ich jeder dieser Beschreibungen und bin überrascht, wie schnell Frau F. in ihrem gestreiften Lieblingspulli plötzlich wieder vor mir steht. Ihre Rückenschmerzen plagen sie wie verrückt und so stützen wir sie beide, als sie sich selbst ihr silbernes Haar kämmt. Immer mit dabei ihr Tigerfreund aus Plüsch. Der kontrollierende Blick in den Spiegel stimmt Frau F. freudig. Gemeinsam gehen wir ins Wohnzimmer, wo ihr Frühstück auf dem Couchtisch angerichtet wurde. Nadine nimmt eine kleine Kuchengabel in die Hand, pickst ein Stückchen Toast mit Erdbeermarmelade auf und beginnt Frau F. das Essen zu reichen. Nach dem dritten Happen folgt ein halbes Glas Waldmeisterbrause. Während Nadine in der Küche die Medikamente vorbereitet, werde ich von Frau F. heran gewunken. Sie lächelt. „Kommen Sie meine Kleine, Sie müssen doch nicht so alleine stehen. Haben Sie schon gefrühstückt?“, fragt mich Frau F. und deutet auf ihr Marmeladenbrot. Ich muss schmunzeln. Ich erkläre Frau F. dass ich nicht nur bereits gefrühstückt hätte, sondern auch keine Süße sei und Käse und Wurst bevorzugen würde. Sie schmunzelt ebenfalls und deutet wieder auf das Toastbrot. Doch der Auftrag ist nun ein anderer. Das kriege ich hin und freue mich, dass sich Frau F. von mir – einer völlig Unbekannten – beim Essen helfen lässt. Ihre Schwester Nadine nutzt die Gelegenheit und macht das Bett. Als ich das Glas Brause wieder auffülle, kommt sie mit den Medikamenten zu uns. In der linken Hand ein kleines Becherchen mit bunten Pillen. In der rechten Hand hat Nadine Kekse mitgebracht und richtet diese auf einer kleinen Schale an. Frau F. schluckt nach und nach ihre Tabletten, trinkt jeweils einen Schluck Brause und geht wieder zu den Marmeladenbroten über. Noch liegt mehr als die Hälfte des geschnittenen Toastes auf dem Teller. Während wir fix noch die Sachen für den nächsten Tag rauslegen und in der Küche aufräumen, bleibt Frau F. auf ihrem Lieblingsplatz zurück. Sie ist umrahmt von vielen bunten Familienfotos: Hochzeiten, Geburtstage, Geburten, Fotos gemeinsam mit ihren Enkeln und Urenkeln. Auf dem Couchtisch und der Couch stehen große Präsente und Erinnerungsstücke vergangener Geburtstagsfeiern. 94, 95, 96 – diese überdimensionierten Zahlenaufsteller bauen sich wie Denkmäler vor sie auf. Als wir fertig sind, heißt es Abschied nehmen. Frau F. hat in unserer kurzen Abwesenheit zwischenzeitlich das Marmeladenbrot zugunsten der Geleekekse eingetauscht. Ich staune: Noch vor wenigen Minuten musste ich ihr jedes kleine Stückchen Toast zum Mund führen. Doch die großen Kekse, die zumal weiter wegstanden, waren schnell gegriffen, abgebissen und verschwanden kurz danach gänzlich in Frau F. Ich lache, als wir wieder im Wohnzimmer stehen und Frau F. wie erwischt kurz innehält, überlegt, zu uns guckt und schließlich den zweiten Keks mit ihren beringten zarten Fingern tiefer in den Mund schiebt. Doch wir müssen los. Nadine erklärt Frau F., dass sie nun wieder weiter müsse. Zur Mittagszeit würde wieder jemand kommen und ihr das Essen bringen. Frau F. nickt teilnahmslos. Ob sie Musik hören will, fragt Nadine. „Ja, das wäre schön.“ Während Nadine schon aus der Tür ist, halte ich inne und schaue auf Frau F. zurück. Da saß sie. Auf ihrer Couch mit dem Tiger, dem Marmeladenbrot, den Keksen, ihrem süßen Tee und der Faßbrause. Die Sonne scheint ihr ins Gesicht und aus dem Radio dudelt leise Roland Kaisers „Flieg mit mir zu den Sternen“.

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